JTGT

Auschnitte aus Viktor Frankls "… trotzdem Ja zum Leben sagen"

»Wer ein Warum zu leben hat, erträgt fast jedes Wie"
- Friedrich Nietzsche

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Zünftig philosophisch gesprochen könnte man sagen, daß es hier also um eine Art kopernikanische Wende geht, so zwar, daß wir nicht mehr einfach nach dem Sinn des Lebens fragen, sondern daß wir uns selbst als die Befragten erleben, als diejenigen, an die das Leben täglich und stündlich Fragen stellt - Fragen, die wir zu beantworten haben, indem wir nicht durch ein Grübeln oder Reden, sondern nur durch ein Handeln, ein richtiges Verhalten, die rechte Antwort geben. Leben heißt letztlich eben nichts anderes als: Verantwortung tragen für die rechte Beantwortung der Lebensfragen, für die Erfüllung der Aufgaben, die jedem einzelnen das Leben stellt, für die Erfüllung der Forderung der Stunde.

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Sofern nun das konkrete Schicksal dem Menschen ein Leid auferlegt, wird er auch in diesem Leid eine Aufgabe, und ebenfalls eine ganz einmalige Aufgabe, sehen müssen. Der Mensch muß sich auch dem Leid gegenüber zu dem Bewußtsein durchringen, daß er mit diesem leidvollen Schicksal sozusagen im ganzen Kosmos einmalig und einzigartig dasteht. Niemand kann es ihm abnehmen, niemand kann an seiner Stelle dieses Leid durchleiden. Darin aber, wie er selbst, der von diesem Schicksal Betroffene, dieses Leid trägt, darin liegt auch die einmalige Möglichkeit zu einer einzigartigen Leistung.

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FRANZ: Aber auch ich will's nicht aufgeben. Noch nicht. Jetzt träum ich wieder, im Lager. Von was anderem. Davon, was ich dann machen werde, draußen - wenn's einmal so weit ist.
PAUL: Und was hast du vor, wenn man fragen darf?
FRANZ: Ich werd mir ein Auto anschaffen...
PAUL: Ja - davon träum ich auch.
FRANZ: - und mit dem fahr ich gleich in den ersten Tagen, sobald ich nach Haus komm, die ganze Zeit herum, Straße auf, Straße ab - laut Liste.
PAUL: Was soll denn das schon wieder heißen?
FRANZ: Ja: Ich hab mir im Geist schon längst eine Liste angefertigt. Drauf stehen die Namen von Leuten, denen es dann an den Kragen gehen könnte, im ersten Moment, im Überschwang des Hasses. Ich seh ihn voraus, den Haß. Und man wird sich auch an denen vergreifen, von denen man nicht wissen wird, was sie insgeheim Gutes getan haben. Ich hab eine ganze Liste parat von Leuten, die in den Uniformen stecken, jetzt noch, in den Uniformen, die wir so hassen. Aber unter dieser Uniform haben sie sich in Herz bewahrt. Glaub mir, der eine oder der andere ist Mensch geblieben, trotz allem, und tut was er kann - nur wissen wenige davon. Die wenigen aber, sag ich dir, haben dann die Pflicht um diese Menschen sich zu kümmern. Eine weiße Liste, das ist es: eine weiße Liste halt ich bereit - und zu diesen Leuten muß ich dann rasch hin, um ihnen zu helfen, um sie zu retten.
PAUL: Du bist ein Narr, ein gemeingefährlicher Narr. Ich bin ehrlich entsetzt über dich. Weißt du, was du bist? Ein Verräter bist du, ja, ein Verräter!
FRANZ (milde lächelnd): Ein Verräter - an wem, an was?
PAUL: An uns, an uns allen, die wir hier leiden müssen - leiden müssen, eben wegen der Leute, denen du noch helfen willst.
FRANZ: Ich bin kein Verräter - ich verrate niemand und nichts. Vor allem eines nicht: die Menschlichkeit.
PAUL: Das nennst du Menschlichkeit? Das Gesindel, die Verbrecher - ungestraft ihrem gerechten Schicksal entgehen lassen?
FRANZ: Gerechtes Schicksal... Was nennst du gerecht? Daß man Haß mit Haß beantwortet - Unrecht mit Unrecht? Wenn wir dasselbe tun, was die andern getan haben? Wenn wir die so behandeln, wie sie uns behandelt haben? Das ist keine Gerechtigkeit. Damit wird das Unrecht nur verewigt.
PAUL: Aug um Aug, Zahn um Zahn... das vergißt du.
FRANZ: Komm mir nur nicht mit der Bibel! Du könntest sie leicht mißverstanden haben. Und wer weiß, ob du sie wirklich kennst. Oder soll ich dich prüfen? Dann sag mir einmal: Wozu hat der Herrgott dem Kain, dem ersten Mörder unter den Menschen, das Kainszeichen aufgedrückt?
PAUL: Klar - damit man ihn erkennt, den Mörder, den Verbrecher, und vor ihm gewarnt ist und sich entsprechend verhält...
FRANZ: Falsch! Sondern das Kainsmal sollte dazu dienen, daß Kain nichts geschieht, daß die Menschen ihm nichts tun, ihn nicht mehr weiter strafen, nachdem er vom Herrgott bestraft worden war, und damit sie ihn in Ruhe lassen. Geht dir jetzt ein, wozu das Kainszeichen da war? Denk doch nur einmal darüber nach, was sonst geschehen wäre: das Morden hätte einfach nicht mehr aufgehört, ein Mord hätte den andern ergeben, ein Unrecht das andre gezeugt -, wenn man immerfort Gleiches nur mit Gleichem heimgezahlt hätte. Nein! Endlich einmal soll die Kette des Bösen abgerissen werden!! Wir wollen nicht wieder und immer wieder Unrecht mit Unrecht vergelten, Haß mit Haß erwidern und Gewalt mit Gewalt! Die Kette, Paul, die... Kette - das ist es! Die muß endlich gesprengt werden... (sinkt zurück, auf die Bretter).